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16.05.09
Alter: 3 Jahre
„Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis die Front zusammenbricht.“

 

Prof. Erich Schöndorf zum Mobilfunk:

„Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis die

Front zusammenbricht.“

NJW: Warum tun sich Strahlenopfer von Mobilfunkmasten

so schwer, Ihre Rechte erfolgreich durchzusetzen?

Schöndorf: Vorrangig ist das kein juristisches sondern ein politisches Problem. Für ungefähr 100

Milliarden DM hat die Bundesrepublik seinerzeit die UMTS-Lizenzen verkauft und jetzt wollen die

Käufer ihre Rechte zu Geld machen. Flächendeckende erfolgreiche Klagen würden da sehr stören. Der

Staat hat das schon geahnt und entsprechend hohe Grenzwerte festgelegt, die sich medizinisch

allerdings nicht begründen lassen Eine im Zweifelsfall den Konzerninteressen verpflichtete Justiz

exekutiert diese Grenzwerte und weist die Klagen ab.

NJW: Was sollte zum Schutz vor Elektrosmog getan werden?

Schöndorf: In erster Linie geht es darum die Grenzwerte auf das medizinisch Erforderliche zu senken.

Andere Länder haben das längst getan. In Deutschland meint man darauf verzichten zu können weil

die Betreiber dadurch Kosten sparen. Darüber hinaus wäre in jedem Fall eine bessere Aufklärung der

Bevölkerung vor den Gefahren des Elektrosmogs dringend geboten. Auch bei reduzierten Belastungen

bleiben beispielsweise für Handybenutzer erhebliche Risiken bestehen.

NJW: Besteht die staatliche Pflicht, Schutzzonen für Strahlenopfer einzuführen?

Schöndorf: Selbstverständlich, und zwar in einer Größe von 357.000 qkm, was haargenau der Fläche

unseres Landes entspricht. Mal allen Ernstes: Amerikanische Verhältnisse wollen wir doch nicht, wo

bedrohte Indianerstämme in Reservate gepfercht werden, mit den bekannten Folgen.

NJW: In den USA gab das Arbeitsgericht einer Arbeitnehmerin Recht, die ihren Gehirntumor auf den

arbeitsbedingten Handygebrauch zurückführte. Werden solche Prozesse auch in Deutschland

kommen?

Schöndorf: In Deutschland gibt es alles was es in Amerika auch gibt, nur mit einer entsprechenden

Zeitverzögerung. Gegenwärtig steht die Justiz noch geschlossen hinter ihrer abweisenden Linie. Aber

schon sind hochkompetente Initiativen dabei die Zusammenhänge deutlich zu machen. Sie tragen

dabei eine Unmasse an belastenden Indizien zusammen, deren gewaltiger Überzeugungskraft sich kein

Gericht auf Dauer entziehen kann. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis die Front zusammenbricht.

NJW: Kann nach den heutigen medizinischen Erkenntnissen der Nachweis gelingen, dass eine

Gesundheitsschädigung auf den Elektrosmog zurückzuführen ist?

Schöndorf: Der Kausalitätsnachweis ist die Achillesferse der modernen Produkthaftung. Das hat

damit zu tun dass die Zusammenhänge sehr komplex sind, viel mit Naturwissenschaften zu tun haben,

die den Juristen bekanntlich nicht besonders liegen und die Justiz immer noch in ihrem alten Denkschema

verhaftet ist: Körperverletzungen begeht man mit Fäusten oder Knüppeln, manchmal auch mit

einem Auto, aber niemals mit einem Handy. Damit macht man etwas ganz anderes: Telefonieren,

fotografieren, SMS schreiben und im Internet surfen. Alles schöne Dinge die nichts Anrüchiges haben.

Für große Teile der kritischen Medizin ist der Kausalitätsnachweis aber schon längst geführt.

( Als Podcast kann man das Interview anhören unter: tinyurl.com/ca5zph )

 

Quelle: Neue Juristische Wochenschrift 2 / 2009