30.04.11
Alter: 1 Jahre
Den Handys droht jetzt das Totalverbot
Alter: 1 Jahre
Ob mit Freisprechanlage oder ohne – telefonieren im Auto lenkt ab. Deshalb sehen die Verkehrsexperten des Bundes keinen Grund, es weiter zu erlauben.
Eine Woche lang beobachteten zwei Kameras, was SonntagsBlick- Maurer beim Autofahren «nebenbei» so alles machte. (Philippe Rossier)
Quelle: http://www.blick.ch/news/schweiz/den-handys-droht-jetzt-das-totalverbot-171148 »
Editorial Einfach aufpassen!
Wann haben Sie zum letzten Mal am Steuer geraucht? Telefoniert? Das Navi umprogrammiert? Eine CD gewechselt, die Lüftung verstellt, einen Schluck aus dem Kaffeebecher genommen – oder in Ihr Frühstücksgipfeli gebissen?
Das eine oder andere tun Sie wohl recht häufig, wenn Sie regelmässig Auto fahren. Und es ist reines Glück, dass Ihnen dabei nichts passiert. Denn all diese Tätigkeiten lenken vom Fahren ab, und das ist höchst gefährlich: Mehr als ein Fünftel aller Verkehrsunfälle mit Verletzten geht auf «Unaufmerksamkeit und Ablenkung» zurück, wie es in der Statistik heisst.
Von Jahr zu Jahr müssen aus diesem Grund mehr Autofahrer das Billett abgeben, im vergangenen waren es fast 10 000, rund 50 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren (siehe Grafik).
Forscher der Universität Zürich wollten deshalb genau wissen, was Autofahrer ablenkt. In Kooperation mit der Schweizerischen Vereinigung der Verkehrsingenieure und Verkehrsexperten (SVI) installierten sie in den Autos von 150 Freiwilligen kleine Kameras, die minutiös aufzeichneten, was diese so tun, statt sich auf die Strasse zu konzentrieren.
Alles, was ablenkt, ist verboten
Auch bei mir. An einem sonnigen Mai-Morgen vor einem Jahr: Ein Techniker montiert zwei Kameras. Eine vorne links an der Windschutzscheibe, die andere hinter mir rechts an der Kopfstütze. Die Aufnahmen würden ohne Ton gemacht, versichert er mir, und anonym ausgewertet. Ich solle ruhig alles so machen wie immer, die Polizei habe keinen Zugang zu den Videos, meint er augenzwinkernd.
Ich lächle in die Kamera und fahre aus der Tiefgarage der Uni. Wo ist die Sonnenbrille? Ich blinzle auf den Nebensitz, taste die Ablagen ab, wühle im Handschuhfach. Bis ich sie finde, habe ich etliche Meter quasi im Blindflug zurückgelegt.
Wenigstens ist das nicht verboten, denke ich. «Stimmt so nicht», korrigiert mich später Thomas Rohrbach vom Bundesamt für Strassen (Astra). «Alles, was ablenkt, ist verboten» (s. Box). Also nicht nur telefonieren, sondern auch essen, trinken, rauchen und an den immer zahlreicheren elektronischen Gadgets im Auto herumschrauben.
Trügerische Sicherheit
Autofahren ist dank besserer Autos und Strassen langweilig und monoton geworden, sagt Verkehrspsychologin Jacqueline Bächli-Biétry. «Das führt zu einer trügerischen Sicherheit, die Fahraufgabe selber wird unterschätzt.» Zumal Fahrfehler selten Konsequenzen hätten, meistens erst, wenn sie mit einem Unfall oder einer Busse endeten.
Unterwegs ins Büro. Die Dudelei aus dem Radio nervt, ich angle mir die neue CD dieser noch unbekannten Soulstimme aus der Mappe hinter dem Sitz. Dabei habe ich mir doch vorgenommen aufzupassen.
«Die Leute vergessen, dass sie gefilmt werden. Sie können sich nicht lange verstellen», erklärt mir Forschungsleiter Jürg Artho später. Die Resultate zeigen: Die meisten Automobilisten lassen sich ablenken. Frauen so häufig wie Männer, Alte fast so sehr wie Junge, Deutschschweizer wenig mehr als Welsche.
Das Telefon läutet – ein Redaktionskollege, wie ich auf dem Display sehe. Per Ohrhörer und Freisprechanlage diskutiere ich Fragen für das Interview mit einem CEO. Erst nach dem Gespräch merke ich, dass ich gefahren bin, ohne die Umgebung wahrgenommen zu haben.
«Keinen sachlichen Grund, das Telefonieren mit einer Freisprechanlage zu erlauben»
Telefonieren ist mit Abstand die gefährlichste Ablenkung, stellt Forschungsleiter Artho in seiner Studie fest. Egal, ob mit oder ohne Freisprechanlage.
«Das Risiko ist praktisch gleich gross», sagt Mario Cavegn von der Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu). Wegen der mentalen Ablenkung: «Wichtige Gespräche binden die emotionale Aufmerksamkeit, die fehlt dann beim Fahren», erklärt Verkehrspsychologin Bächli-Biétry.
Die bfu fordert in ihrem neuen Sicherheitsdossier, das sie in zwei Wochen präsentieren wird, ein Totalverbot fürs Telefonieren am Steuer. Auch dem Astra, das die Uni-Studie bezahlt, schwebt ein generelles Telefonverbot vor.
«Es gibt keinen sachlichen Grund, das Telefonieren mit einer Freisprechanlage zu erlauben, das ist ein rein politischer Entscheid», sagen Rohrbach vom Astra und Cavegn von der bfu übereinstimmend. Auch Verkehrspsychologin Bächli-Biétry hält das totale Telefonierverbot für «eines der wenigen Verbote, die Sinn machen».
Dabei ist das Telefon im Auto doch erst der Anfang. Luxusmarken wie Mercedes rüsten ihre Modelle zu Hightech-Vehikeln auf, inklusive drahtloser Internetanschluss für Navigationsgeräte und Laptops.