Zeitpunkt:
Wie geht es dem Widerstand
gegen Elektro-Smog nach der UMTS-Studie
der Uni Zürich?
Jürg Zimmermann:
Die Entrüstung bei den
Betroffenen ist riesig, weil
die publizierten Resultate nicht
die Realität wiedergeben.
Die Menschen in der Umgebung
von Antennen leiden tatsächlich.
Zudem gibt es eine grosse Diskrepanz
zwischen dem, was an der Medienkonferenz
gesagt wurde und was die Medien
dann daraus gemacht haben. Gesagt
wurde, dass eine kurzfristige
Bestrahlung das Wohlbefinden
nicht beeinträchtigt. In
den Zeitungen stand dann, UMTS-Antennen
seien ungefährlich und
könnten jetzt errichtet
werden.
Die Kritiker wurden kaum
zitiert. Haben sie geschlafen
und ihre Stellungnahmen erst
Tage danach publiziert?
Keineswegs, aber die Umstände
der Medienkonferenz waren einzigartig.
Am Donnerstag vor Pfingsten
erhielten die Medien die Einladung.
Bis am Freitag musste man sich
anmelden und am Dienstag nach
Pfingsten fand die
Medienkonferenz statt. Ein Security-Mann
in Vollmontur stand am Eingang,
zwei Mitarbeiter der Universität
kontrollierten Presseausweise,
ein absolut
einzigartiger Vorgang, wie mir
ein Journalist mit 30-jähriger
Berufserfahrung bestätigte.
Ich verteilte den Teilnehmern
eine dreiseitige Liste mit wissenschaftlichen
Studien, die alle zeigen, dass
gesundheitliche
Effekte auch unterhalb der Grenzwerte
nachweisbar sind. Die ganze
Woche nach Pfingsten gab ich
Interviews, auch Radio DRS 1,
nur zwei wurden gedruckt oder
gesendet. In den letzten Jahren
habe ich mehr als 300 Vorträge
über Mobilfunk gehalten.
Fast immer fragen mich die Leute
hinterher: Warum steht das nicht
in der Zeitung?
Warum steht es nicht in
der Zeitung?
Weil die Mobilfunkindustrie
effizientes Lobbying macht und
den Zeitungen mit Inserateboykott
droht. Zwei Verlagsmanager haben
mir diesen Sachverhalt bestätigt.
Druck wird auch auf Behörden
und Wissenschaftler Ausgeübt.
Ich kenne mehrere Professoren,
die eingeschüchtert wurden.
Sie behaupten, die Studie
diene vor allem den Auftraggebern.
Warum?
Weil man mit Untersuchungen,
bei denen man Versuchspersonen
einer Strahlung aussetzt, am
wenigsten Resultate erhält.
Viel ergiebiger und realistischer
wären epidemiologische
Studien, bei denen die gesundheitlichen
Effekte tatsächlicher Strahlendosen
über einen längeren
Zeitraum gemessen würden.
Zudem waren die Probanden der
Zürcher Studie fast 20
Jahre jünger als bei der
holländischen Studie, die
verifiziert werden sollte. Mit
zunehmendem Alter steigt die
Elektrosensibilität sehr
stark an. Im Weiteren wurden
Leute mit Schlafstörungen
ausgeschlossen. Seltsam mutet
auch an, dass wir vier Probanden
kennen, denen es kotzübel
wurde, obwohl es im Bericht
heisst,
niemand sei in seinem Wohlbefinden
beeinträchtigt worden.
Ein wichtiger Punkt ist schliesslich,
dass es keine exakte Definition
für Elektrosensibilität
gibt. Ich vermute, dass Leute
in die Studie aufgenommen wurden,
von denen fälschlicherweise
behauptetet wurde, sie seien
elektrosensibel.
Die Behörden betonen
wiederholt, die Schweizer Grenzwerte
seien aus Gründen der Vorsorge
besonders tief. Warum liegen
diese für die Kritiker
immer noch zu hoch?
Die Grenzwerte berücksichtigen
nur die thermischen Effekte
der Strahlung innerhalb von
sechs Minuten. Die Grenzwerte
schützen uns also davor,
dass
wir uns in der Nähe einer
Antenne nicht erhitzen wie in
einem Mikrowellenofen. 90 Prozent
der Beeinträchtigungen
sind aber biologischer Natur,
z.B. Tumorbildung, und treten
erst nach einer gewissen Zeit
auf. Es stimmt, dass wir in
der Schweiz im Gegensatz zum
Ausland einen Anlagegrenzwert
von 6 Volt/m haben, während
die so genannten Immissionsgrenzwerte
bei 61 Volt/m liegen. In der
Stadt Paris beispielsweise
gilt jedoch ein Grenzwert von
2,5 Volt/m. Viele Leute leiden
aber schon bei 0,8 bis 1,2 Volt/m.
Die Grenzwerte richten sich
übrigens nach Vorgaben
der ICNIRP (Int. Commission
on Non-Ionizing Radiation Protection),
einer
privaten Organisation, besetzt
mit Exponenten der Mobilfunkindustrie.
Wie eine Untersuchung des Bundesamtes
für Gesundheit (BAG) aus
dem Jahre 2005
zeigt, sind 5% der Bevölkerung
vom Elektro-Smog betroffen.
Neutrale und unabhängige
(nicht am Tropf der Industrie
hängende) Wissenschaftler
und Mediziner bestätigen
weltweit, dass die Elektrosensibilität
akutell 20% beträgt. Vor
der Einführung des digitalen
Mobilfunks waren es aber nur
1%.
Warum sind denn die Grenzwerte
so schwierig zu ändern?
Die zuständigen Instanzen
akzeptieren für eine Änderung
der Grenzwerte, nur den wissenschaftlichen
Nachweis.
Die Kriterien für einen
«Nachweis» sind
aber praktisch unerfüllbar:
Eine Schädigung muss mehrfach,
unabhängig voneinander
und ohne Widerspruch nachgewiesen
und in wissenschaftlichen Publikationen
veröffentlicht werden.
Oft wird Studien die Veröffentlichung
verweigert. Oder dann werden
sie ganz
einfach angezweifelt. Es sind
immer dieselben paar Wissenschaftler,
die etwas in Frage stellen und
damit den «Nachweis»
im juristischen Sinn verhindern.
Die Befürworter des
Mobilfunks relativieren die
Gefahr der Antennen immer wieder,
indem sie darauf hinweisen,
dass die Schnurlos-Telefone
viel stärker abstrahlen.
Da ist doch etwas dran.
Das ist zumindest scheinheilig.
Wir haben die Mobilfunkindustrie
schon vor Jahren auf die Gefahren
der Schnurlos-Telefone hingewiesen
- ohne Reaktion. Schnurlos-Telefone,
über deren Einsatz jeder
selber entscheiden kann, strahlen
kaum weiter als die eigene Wohnung,
währenddem Mobilfunk-Antennen
mit rund 10'000facher Leistung
alle bestrahlen, ob sie das
wollen oder
nicht. Das ist ein fundamentaler
Unterschied. Übrigens:
Wer unbedingt schnurlos telefonieren
will, sollte zu seinem eigenen
Schutz ein analoges Modell einsetzen.
Die Elektrosmog-Kritiker
wirken sehr zersplittert. Was
müsste geschehen, damit
sie sich zu einer schlagkräftigen
Organisation zusammenschliessen?
Es stimmt, dass zwar sehr viele
Menschen dem Elektro-Smog kritisch
gegenüber stehen, sich
aber keine Dachorganisation
für ihre Interessen einsetzt.
Das liegt zum Teil daran, dass
viele Gruppen zur Verhinderung
einer bestimmten
Antenne gegründet werden
und sich daher wenig mit den
gesamtschweizerischen Rahmenbedingungen
befassen. Dann gibt es auf Seiten
der Kritiker neben einer Portion
Futterneid sehr unterschiedliche
politische Stile, die eine Zusammenarbeit
verhindern. Und schliesslich
machen gewisse Firmen, die den
Elektrosmog kritisieren, dicke
Geschäfte mit Abschirmprodukten.
Die sind gar nicht an einem
wirkungsvollen Widerstand interessiert.
Es fällt auf, dass
in der Ferienzeit besonders
viele Baugesuche für Antennen
publiziert werden. Was raten
Sie?
Seit Jahren stelle ich fest,
dass die Baugesuche für
Antennen bevorzugt in der Ferienzeit
oder über Weihnachten veröffentlicht
werden. Das hat System. Wenn
die Leute dann aus den Ferien
zurückkommen, ist die 20tägige
Einsprachefrist praktisch abgelaufen.
Andrerseits hat, wer zuhause
bleibt,
mehr Mühe, Mitstreiter
zu finden für eine Einsprache.
Einige Gemeinden, leider noch
eine kleine Minderheit, sind
deshalb dazu übergegangen,
Baugesuche für Antennen
nicht mehr während der
Schulferien zu publizieren.
Ich empfehle dringend, vor den
Ferien die Gemeinde anzufragen,
ob demnächst ein Baugesuch
für eine Antenne publiziert
wird und den Antrag zu stellen,
das Baugesuch zur Gewährleistung
des rechtlichen Gehörs
ausserhalb der
Ferienzeit nochmals zu publizieren.
Ein entsprechender Musterbrief
kann auf der website www.diagnose-funk.ch
heruntergeladen werden. Auch
ausserhalb der Ferienzeit ist
es ratsam, aufmerksam zu sein.
Ich habe schon zwei Baugespanne
für eine Antenne gesehen,
die aus einem kleinen Pfosten
von einem halben Meter Höhe
bestanden, an der ein Plastikmäppchen
befestigt war,
in dem es hiess, die Antenne
würde 35 Meter hoch. Mobilfunk
ist schädlich für
die Gesundheit, das weiss auch
die obilfunkindustrie, sonst
hätte sie solche Mätzchen
gar nicht nötig.
Interview:
Christoph Pfluger
Jürg Zimmermann
(*1951) kommt aus den Fachrichtungen:
Elektrotechnik, Elektronik (Hochfrequenztechnologie)
und Betriebswirtschaft und arbeitet
als Unternehmensberater. Seit
acht Jahren beschäftigt
er sich intensiv mit Elektrosmog.
Er ist mitgründer der Umweltorganisation
Diagnose-Funk und hat
als Berater von Gruppen bei
Einsprachen schon über
60 Antennen verhindert.
www.diagnose-funk.ch
Kontakt: Jürg
Zimmermann, Benziwil 25, 6020
Emmenbrücke, Tel. 041 280
37 00
Quelle:
( http://www.zeitpunkt.ch/aktuell_mobilfunkantennen.htm
)
Volker Hartenstein,
Roßhirtstr. 11, 97199
Ochsenfurt
Tel.: (09331) 2825, Web-Fax:
01212 5 013 27 769
E-Mail: vohar@online.de , übersandt,
am 26.9.06
Kommentar
von Risko Elektrosmog Kärnten:
Der Druck der Industrielobbys
zur Durchsetzung Ihrer Interessen,
egal wie es mit deren Produkten
den Konsumenten dann letztlich,
auch gesundheitlich, geht ist
insgesamt zum Fürchten.
So erläutert beispielsweise
die Süddeutsche Zeitung
vom 19.9.2006 auf ihrer S. 18
den „Vorauseilenden Eiertanz“,
den ein medizinischer Fachverlag
führte, dem Druck der Pharmaindustrie
nachgab und eine kritische Artikelserie
stoppte.
Kann man das Meinungsfreiheit
in Europa nennen?