Quelle: Associated Press, Maria Cheng
(AP medical writer), 7. Mai 07
Übersetzung: Evi Gaigg, diagnose-funk
Wenn beweiskräftige Richtlinien
erstellt werden, vergisst die
WHO kontinuierlich einen wichtigen
Punkt: den Beweis. Dies ist
das Urteil einer am Dienstag
in „THE LANCET“
publizierten Studie. Die Kritik
der medizinischen Zeitschrift
an der WHO könnte so manchen
in der globalen Gesundheitsgemeinschaft
schockieren, zumal es eine der
Haupttätigkeiten der WHO
ist, Richtlinien herauszugeben,
angefangen vom Kampf gegen die
Verbreitung der Vogelgrippe,
über die Kontrolle von
Malaria, bis zum Erlass einer
Anti-Tabak-Gesetzgebung.
„Dies ist ein ziemlich
erschütterndes Ereignis“,
sagte der Herausgeber von LANCET,
Dr. Richard Horton, der in die
Recherchen für den Artikel
nicht involviert war. „Es
untergräbt den wirklichen
Zweck der WHO.“ Die Studie
wurde von Dr. Andrew Oxman und
Dr. Atle Fretheim vom Norwegian
Knowledge Centre for Health
Services und von Dr. John Lavis
an der McMaster University in
Kanada durchgeführt. Sie
befragten ältere WHO-Beamte
und analysierten verschiedene
Richtlinien, um festzustellen,
wie diese entstanden sind. Was
sie fanden, war ein unverkennbar
intransparentes Verfahren.
„Es ist schwierig zu
beurteilen, wieviel Glaubwürdigkeit
man WHO-Richtlinien beimessen
kann, wenn man nicht weiss,
wie sie zustande gekommen sind“,
sagte er. „In diesem Fall
bleibt nur blindes Vertrauen.“
Die WHO gibt jedes Jahr ca.
200 Sammlungen von Empfehlungen
heraus, wobei sie als öffentlicher
Schiedsrichter für Gesundheit
für die globale Gemeinschaft
agiert, indem sie unter den
sich konkurrierenden wissenschaftlichen
Theorien und Studien jene heraussiebt,
mit denen sie am besten Verfahren
vorantreiben kann.
Der Direktor der Wissenschaftsabteilung
der WHO, Dr. Tikki Pang, sagte,
dass einige seiner WHO-Kollegen
durch die Studie des LANCET
schockiert waren, aber er anerkannte,
dass die Kritik berechtigt war,
und er erklärte, dass die
Zeit drängt und ein Mangel,
sowohl an Informationen, als
auch an Geld, die Arbeit der
WHO beeinträchtige. „Wir
wissen, dass unsere Glaubwürdigkeit
auf dem Spiel steht“,
sagte Pang „und wir werden
daran gehen, gemeinsam zu handeln.“
WHO-Beamte bemerkten, dass
in vielen Fällen Beweise
einfach nicht existieren. Daten
aus Entwicklungsländern
sind bestenfalls flickwerkartig
vorhanden, und bei einem Ausbruch
verändert sich die Information,
sobald eine Krise entsteht.
Um sich dem Problem zuzuwenden,
sagten sie, versucht die WHO
neue Wege zu suchen, um die
Informationen in den armen Ländern
zu sammeln. Sie sieht vor, ein
Komitee zu gründen, um
einen Überblick über
die Sammlung aller Gesundheitsrichtlinien
zu bekommen.
Die LANCET-Studie, die von
2003 bis 2004 durchgeführt
wurde, um die WHO-Richtlinien
zu analysieren und WHO-Beamte
zu befragen, fand heraus, dass
die WHO-Beamten selbst über
die Methoden der Behörde
besorgt waren. Ein ungenannter
Direktor wurde in der Studie
mit den Worten zitiert: „Ich
hätte gerne mehr Beweise
gehabt, um Richtlinien herauszugeben.“
Ein anderer sagte: „Wir
hatten nie eine gut dokumentierte
Grundlage.“
Pang sagte, während einige
Richtlinien zweifelhaft sein
mögen und sich nur auf
einige Expertenmeinungen stützten,
wurden andere in strengen Studien
erarbeitet und waren darum zuverlässiger.
Z.B. war kürzlich der Rat
der WHO zur Behandlung der Vogelgrippe
unter eingehender Prüfung
entstanden.
Oxman bemerkte auch, dass die
WHO ihre eigene Qualitätskontrolle
hat. Als 1999 Richtlinien über
die Behandlung von Bluthochdruck
unter anderem kritisiert worden
waren, weil sie teure Medikamente
statt billigere ohne bewiesene
Vorteile empfohlen hatten, gab
die Gesellschaft ihre „Richtlinie
zum Schreiben von Richtlinien“
heraus, welche dann zur Revision
ihrer Ratschläge über
Bluthochdruck führte.
„Die Leute sehen die
Absicht der WHO“, sagte
Oxman. „Das Problem ist
nur, dass gute Absichten und
plausible Theorien nicht genug
sind.“
Es bleibt abzuwarten, wie die
193 WHO-Mitgliedsländer
auf die Studie von THE LANCET
reagieren werden, die herauskam,
gerade bevor sich nächste
Woche die WHO-Körperschaft
- die World Health Assembly
- im U.N. Hauptquartier in Genf
treffen und über zukünftige
Gesundheits-Strategien entscheiden.
„Wenn Länder kein
Vertrauen in die technische
Kompetenz der WHO haben, dann
steht ihre eigentliche Existenz
in Frage“, sagte Horton,
der Herausgeber der Zeitschrift.
„Diese Studie zeigt, dass
innerhalb dieser Organisation
ein veritables Problem besteht,
die es ablehnt, die Wissenschaft
an erste Stelle zu setzen.“
WHO-Generaldirektorin, Dr.
Margarte Chan, die ihren Posten
in diesem Jahr angetreten hat,
wird jetzt mit der Antwort auf
die Kritik der Studie unter
Druck kommen.
„Wir brauchen eine starke
WHO; wie man in den vergangenen
Jahren gesehen hat, zerbröckelte
ihre Unabhängigkeit und
das Vertrauen in sie ist geschwunden,“
sagte Horton. „Nun gibt
es eine fabelhafte Gelegenheit
für die WHO, sich zurück
zu besinnen auf ihre Rolle als
die technische Behörde,
die sie immer meinte, gewesen
zu sein.“
Anmerkung der diagnose-funk:
Wenn die WHO Richtwerte für
elektromagnetische Felder empfiehlt,
liegt das Problem nicht darin,
dass es an Studien fehlen würde,
sondern daran, dass man die
Evidenz schlicht ignoriert oder
ihr mit fadenscheinigen Sätzen
keine Bedeutung zumisst. Es
verwundert auch nicht, denn
der bis Juni 2006 amtierende
Leiter der EMF-Abteilung, Michael
Repacholi, und vormalige Vorsitzende
des industrienahen Vereins „ICNIRP“
e.V., arbeitete bereits 1990
für den australischen Stromversorger
„Electricity Commission
of New South Wales“ und
schrieb dort für seine
Lobby gerichtliche Gutachten
um Schadenersatzansprüche
gesundheitlich betroffener Bürger
abzuwehren. (Siehe auch den
Bericht von Prof. Andrew Marino,
http://www.ortho.lsuhsc.edu/Faculty/Marino/Comments/SOBs.html)
In der WHO machte er sich dann
einen Ruf als Lobbyist, indem
er kritische Wissenschaftler
zu Kongressen und Workshops
entweder nicht einlud, vor der
Tür des Hauptsitzes in
Genf kaum einlassen wollte oder
gar deren Tagungseingaben komplett
umschreiben liess, bevor sie
dann unter dem Namen des betroffenen
Forschers von der WHO publiziert
wurden (so z. B. geschehen mit
assoc. Prof. Olle Johansson,
Karolinska Institute, Stockholm).
Auch im Bereich ionisierender
Strahlung machte sich Repacholi
einen Namen: In einem BBC Interview
bezeichnete er acht Studien,
welche eine krebserregende Wirkung
von abgereichertem Uran fanden,
als „Märchenkram“.
Schliesslich gab er gemäss
Microwavenews vor der Presse
zu, dass er pro Jahr 150'000
Dollar für die Organisation
von Meetings und seine Reisespesen
direkt von der Industrie erhielt
– womit er die Richtlinien
der WHO gravierend missachtete;
jedoch wie so oft ohne Folgen.
Kurz nach seiner Pensionierung
arbeitete Repacholi für
die Mobilfunkfirma „Jersey
Airtel“ und wenige Monate
später für die Stromkonzerne
„Northeast Utilities“
und „United Illuminating
Co.“. Er versuchte dort
weiterhin, Behörden von
einer Verschärfung der
Grenzwerte abzuhalten (http://www.microwavenews.com/CT.html).
Repacholis Nachfolgerin in
der WHO, Emilie van Deventer,
scheint nun in seine Fussstapfen
zu treten: Als Elektro-Ingenieurin
hat sie in der Szene der Elektrobiologen
den Ruf, dass Sie für die
gesundheitlichen Auswirkungen
der elektromagnetischen Felder
etwa so viel Interesse aufbringt
wie ein Metzger für die
Folgen eines überhöhten
Fleischkonsums.
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