Datenklau. Hier könnten Ihr
Kontoauszug zu sehen sein oder
Ihr Gruß an die Geliebte
oder Ihre Firmendaten. Vermutlich
gehören auch Sie zu den Gutgläubigen
und vertrauen intimste Geheimnisse
schutzlos Laptop, Blackberry und
Handy an. Das kann sich rächen:
Datendiebstahl ist ganz leicht.
Wie leicht, das zeigt ein WirtschaftsWoche-Test
in ICE, Flughafen-Lounge und Hotel-Lobby.
Die Falle schnappt im Großraumwagen
des ICE nach Frankfurt zu. Nils
Magnus klappt seinen Laptop
auf, aktiviert per Tastendruck
ein paar Spionageprogramme –
„nichts Besonderes“,
sagt er, „an die kommt
jeder ran“ – und
schaut nach, was der Geschäftsmann
am anderen Ende des Wagens so
alles im Postausgang seines
Notebooks zwischengelagert hat:
die Geheimzahl für das
Girokonto, das Passwort für
Ebay und Amazon, das Video vom
Familientreffen am Wochenende
sowie die Dateien mit den Vertragsentwürfen
für die Kaufverhandlungen
am Nachmittag. Nach zehn Minuten
kennt Magnus die intimsten Geheimnisse
aus dem Privat- und Geschäftsleben
des Managers und speichert sie
auf seinem Notebook ab.
Es ist ein Datendiebstahl,
wie er tagtäglich passiert
und bei Unternehmen in jedem
Jahr Schäden von mehr als
zehn Milliarden Euro anrichtet,
schätzen Sicherheitsexperten.
Doch dieses Mal hat der Geschäftsmann
Glück. Im Auftrag der WirtschaftsWoche
ist Magnus, ein Mitarbeiter
der auf IT-Hochsicherheitstechnik
spezialisierten Essener Firma
Secunet, für einen Tag
in die Rolle eines Geheimdienstagenten
geschlüpft. Auf einer der
Hauptreiserouten vieler Manager
spielt er den Ernstfall im Live-Test
durch: Die Szenen, die wir beschreiben,
sind nicht gestellt, sondern
real.
Die WirtschaftsWoche will vom
Hoflieferanten der Bundesregierung,
der unter anderem den E-Mail-Verkehr
zwischen den deutschen Botschaften
im Ausland verschlüsselt,
wissen: Sind deutsche Führungskräfte
wirklich so fahrlässig
im Umgang mit Handy, Laptop
und Blackberry, dass jeder halbwegs
Geschulte mit handelsüblicher
Technik quasi im Vorbeigehen
in die Geräte eindringen
und auf streng vertrauliche
Daten zugreifen kann? Bei der
Aktion vermeidet Magnus jeden
illegalen Einbruch. Er knackt
nur den Zugang. Erst später
im Büro demonstriert Magnus,
was er hätte anstellen
können.
Tatort ICE 813 von Köln
nach Frankfurt, Montag, morgens
um 7.07 Uhr.
Zu dieser frühen Stunde
steigen in Köln nur wenige
Pendler in den ICE nach Frankfurt.
Bis zum nächsten Stopp,
dem ICE-Haltepunkt Siegburg/Bonn,
bleiben noch 15 Minuten –
genug Zeit, um den ersten Coup
sorgfältig vorzubereiten.
Wir suchen uns eine Sitzgruppe
mit Arbeitstisch im Großraumwagen
und stimmen unser Vorgehen ab.
Wir arbeiten verdeckt, um keinen
Verdacht bei den Mitreisenden
zu erregen. Auch der Fotograf
ist angewiesen, Abstand zu halten
und mit versteckter Kamera zu
filmen. Man soll uns für
eine Gruppe gut bekannter Manager
halten, die sich auf den nächsten
Termin vorbereiten.
Unser Geheimauftrag: Am ICE-Haltepunkt
Siegburg/Bonn steigt der Vorstand
eines Maschinenbauers zu, der
mit einem Angebot zu einem Kunden
nach Frankfurt unterwegs ist.
Auf seinem Laptop befinden sich
die unterschriftsreifen Verträge,
was wir im Vorfeld eruiert haben.
Die Datei wollen wir in unseren
Besitz bringen.
Die Zielperson befindet sich
unter den 25 Geschäftsleuten,
die in Siegburg/Bonn in den
Großraumwagen steigen.
Unser wichtigstes Werkzeug,
ein ganz normaler Laptop der
Marke Dell, ist einsatzbereit.
Niemandem fällt auf, dass
an diesem Morgen ein besonderes
Programm arbeitet: die Schnüffelsoftware
Wireshark Network Analyzer.
Das ist kein Spezialprogramm
für Geheimdienstagenten,
sondern eine überall erhältliche
Netzwerk-Analysesoftware, die
jeder im Internet herunterladen
kann.
Unsere Zielperson gehört
zu den 15 Managern, die ihren
Laptop auspacken. Alle arbeiten
offline, also ohne Verbindung
ins Internet. Denn Web-Anschluss
über so genannte Hotspots
gibt es nur in Bahnhöfen.
Doch das kann uns nicht aufhalten.
In knapp der Hälfte aller
Laptops und Notebooks, ermittelt
Wireshark, ist das Funkmodul
für drahtlose WLAN-Netze
aktiviert. Ohne Internet-Zugang
in Reichweite sucht der WLAN-Chip
permanent nach dem voreingestellten
Heimat- oder Büronetz.
Für Datendiebe ist damit
der rote Teppich ausgerollt.
Aus den Suchrufen des Notebooks
müssen wir mithilfe weiterer
Spionageprogramme die Zugangsdaten
vom Büro-Hotspot und E-Mail-Server
auslesen. So kann unser Computer
in seine neue Rolle schlüpfen:
Er gibt vor, der gesuchte Mailserver
zu sein.
Es funktioniert. Ohne aufzufallen,
klinken wir uns in die WLAN-Verbindung
des Laptops ein. Werden nun
– etwa am Hotspot im nächsten
Bahnhof – E-Mails verschickt,
läuft der Datenstrom über
unseren Rechner, und die Inhalte
der E-Mails können mitgelesen
und aufgezeichnet werden. „Der
technische Aufwand ist gering“,
sagt Secunet-Experte Magnus.
Der Praxistest zeigt: Das Eindringen
dauert ein paar Minuten. Doch
der Aufwand lohnt sich. Denn
die Datendiebe befinden sich
in einer komfortablen Position.
Sie agieren passiv im Hintergrund
und hinterlassen keine Spuren.
Jahrelang könnte man so
einen Manager, etwa wenn er
jeden Montag zwischen Köln
und Frankfurt pendelt, gezielt
ansteuern und ausspionieren.
Der Verfassungsschutz warnt
deutsche High-Tech-Unternehmen
seit Jahren vor Lauschangriffen
ausländischer Nachrichtendienste.
Doch insbesondere das Top-Management
nimmt die Hinweise nicht ernst.
Der Werkschutz wird üppig
ausgestattet, damit niemand
unkontrolliert das Firmengelände
betritt. Beim eigenen Handy
und Computer hört die Sorgfalt
dagegen auf. Jeder zweite Top-Manager
unterschätzt die Gefahren
des Kommunikationszeitalters
und stuft das Bedrohungsrisiko
für das eigene Unternehmen
als gering ein, heißt
es im jüngsten Lagebericht
des Bundesamtes für Sicherheit
in der Informationstechnik (BSI).
Die Folge: Es wird gespart.
Nur ein Fünftel aller Unternehmen
investiert mehr als 7,5 Prozent
des IT-Budgets in die Sicherheit
von Computer, Internet und Handy.
Vor drei Jahren waren es noch
mehr als doppelt so viel.
Nur wenige deutsche Top-Manager
ahnen, auf welchen Wegen heute
vertrauliche Papiere auf dem
Schreibtisch der Konkurrenz
landen. Vorbei sind die Zeiten,
als Schubladen durchwühlt,
Wanzen in Telefonhörern
installiert und wertvolle Dateien
auf Disketten kopiert wurden.
Der Datendieb von heute wählt
sich direkt über das Internet
in die Computer ein, aktiviert
die Mikrofone in den Freisprecheinrichtungen
von Handys und Schnurlostelefonen,
schaltet sich in laufende Videokonferenzen
ein und fängt so wichtige
Informationen ab – in
der Regel ohne Spuren zu hinterlassen.
Quelle: www.wiwo.de
v. 7.9.2007