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- Ein nach wie vor höchst aktuelles Interview
Gesundheitsgefahr durch Mobilfunkstrahlung:
Scheuklappen gegen das Risikopotenzial
SALZBURG/WIEN –
Die Studienlage zur Gesundheitsbeeinträchtigung
durch Mobilfunk hat in den letzten
Jahren ein Maß angenommen,
das ein Ausbleiben von Maßnahmen
als vollkommen ungerechtfertigt
erscheinen lässt. Fehlende
gesetzliche Grenzwerte und eine
steigerbare Aktivität des
Gesundheitsministeriums sind Symptome
dafür, dass in Österreich
seit Jahren am Risikopotenzial
hochfrequenter Strahlung von Mobilfunkantennen
und Handys vorbeigeschielt wird.
MT(Medical Tribune) erörterte
die Situation mit dem Salzburger
Umweltreferenten der ÖÄK,
Dr. Gerd Oberfeld.
MT:Wie kann man Mobilfunk
als potenziellen Gesundheitsschädiger
mit Risiken wie Alkohol, Diabetes,
COPD etc. vergleichen?
Dr. Oberfeld: Mobilfunk holt jedes
Jahr deutlich auf, weil die
Gruppe der auf Dauer Belasteten
immer größer wird.
Mit jeder neuen Sendeanlage
werden Anwohner im Bereich von
zum Teil mehreren 100 Metern
massiv befeldet – diese
Einwirkungen machen sich aber
erst nach vielen Jahren deutlichst
bemerkbar. Die Volksgesundheit
wird nicht von heute auf morgen
schlechter, sondern über
Jahre und Jahrzehnte. Durch
Mobilfunkanlagen mit immer neuen
Techniken wie GSM, UMTS etc.,
aber auch durch Indoor-Stationen,
kommt es zum Teil zu dramatischen
Krankengeschichten – die
sich bei reversiblen Symptomen
rückbilden können,
wenn der Faktor der Beeinträchtigung
wegfällt.
MT: Die „Salzburger
Resolution zu Mobilfunksendeanlagen“
aus dem Jahr 2000 hat Empfehlungen
zu Gesundheitsschutz etc. an
Industrie und Politik gegeben
– was wurde davon seither
umgesetzt?
Dr. Oberfeld:
Eigentlich fast nichts. Aber
es ist mein Ansinnen, dass das,
was von sehr vielen Menschen
an Beschwerden geschildert wird,
sauber und „state of the
art“-entsprechend untersucht
wird. Ich beziehe mich dabei
nicht nur auf die Handynutzer,
sondern auf die Anwohner von
Anlagen.
MT: Wie reagieren
die Mobilfunkbetreiber auf den
wachsenden Informationsstand
zu möglichen Gesundheitsrisiken?
Dr. Oberfeld: Von den
Netzbetreibern alle relevanten
Daten zu bekommen, ist sehr
schwierig geworden. Ich glaube,
es ist eine allgemeine Strategie
der Netzbetreiber, gewisse Daten,
die man vor wenigen Jahren ohne
„wenn und aber“
bekommen hat, einfach nicht
weiterzugeben. Dazu zählen
die Antennentype und der „down
tilt“ (mechanische und
elektrische Abwärtsneigung,
Anm.) – wenn ich diese
Daten nicht kenne, ist es schwierig,
die Immissionsberechnungen durchzuführen.
MT: Wie relevant
ist die Strahlungsbelastung
beim Handy?
Dr. Oberfeld:
Es kommt dabei auf die Dosis
an, die sich aus der Höhe
der Exposition und aus der Zeit
zusammensetzt. Beim Handy geht
es um eine kurze Zeit von Minuten
bis zu Stunden, je nach Nutzertyp.
Die Exposition hängt wiederum
davon ab, wo ich telefoniere,
ob im Keller oder im Freien,
da jede Mauer das Signal ein
wenig dämpft. Sie haben
also beim Mobiltelefon relativ
große Variabilitäten.
Das andere ist, dass Sie in
der Nähe von Sendeanlagen
doch über lange Zeit exponiert
sind, z.B. 12 oder 24 Stunden
und das über viele Jahre.
Im Nahbereich von Sendeanlagen
kommt man auf Dosen, wie man
sie bei summierten Handytelefonaten
auch hat. Man kann diese Dauereinwirkungen
sehr gut mit Lärm vergleichen.
Das Problem beginnt dann, wenn
man einem Dauerreiz ausgesetzt
ist und dieser nicht aufhört.
Der Organismus braucht seine
Ruhe, und es reichen z.B. schon
relativ geringe Strahlenpegel
aus, um Anwohner in ihrem Schlaf
merklich zu stören.
MT: Sie sprechen
direkte Auswirkungen in Wohngebieten
in der Nähe von Sendemasten
an: Sind das wissenschaftlich
100%ig verlässliche Erhebungen,
sodass wir heute nicht mehr
darüber zu diskutieren
brauchen, ob es eine Gesundheitsgefährdung
gibt, sondern nur mehr, wie
man dem vorbeugen kann?
Dr. Oberfeld:
Auf Basis aller Daten, die vorhanden
sind, kann man sagen: Ja. Statt
einer allgemeinen wissenschaftlichen
Diskussion gibt es in dieser
Szene aber eigentlich nur Reflexe.
Als die Naila-Studie (von Eger
et al., Anm.) publiziert wurde,
war einer der Reflexe des Bundesamtes
für Strahlenschutz: Statt
zu diskutieren, welche Schlüsse
man daraus ziehen kann, und
anstatt die Hinweise ernst zu
nehmen, wurde nur gesagt: Das
ist eine ökologische Studie,
daraus kann man eh keine Schlüsse
ziehen und eigentlich hätten
wir uns das sparen können
...
MT: Es scheint
gesichert, dass sich in manchen
Gegenden die Krebsrate verdoppelt
hat?
Dr. Oberfeld:
Die Naila-Studie ist deswegen
relativ robust, weil nicht nur
ein Zeitraum erfasst wurde:
In den ersten fünf Jahren
blieben die Ergebnisse bezüglich
der Krebsrate gleich. Aber in
den zweiten fünf Jahren
hat man die Veränderungen
gemerkt: Die Krebsrate ist aufs
Dreifache gestiegen. Das deckt
sich auch mit Daten aus England,
wo ältere Masten untersucht
wurden, die schon seit sieben,
acht Jahren in Betrieb waren.
Auch dort findet man dieses
Muster, und es ist auch auf
die Handynutzungen anwendbar,
obwohl es vielleicht nicht direkt
vergleichbar ist – aber
auch da findet man in den ersten
Jahren nichts Auffälliges,
sondern es gibt, wie bei den
meisten Krebserkrankungen, einige
Jahre Latenzzeit. MT: Sind die
Grenzwerte in Österreich
ausreichend geregelt?
Dr. Oberfeld:
Die Regelung erfolgt hier über
das Telekommunikationsgesetz,
das quasi vom BMVIT betreut
wird. Dort findet sich auch
eine Verordnungsermächtigung,
von der der Bundesminister bisher
nicht Gebrauch gemacht hat.
Es gibt lediglich eine Meinung
des Ministeriums, dass die ICNIRPWerte
(Internationale Kommission zum
Schutz vor nichtionisierender
Strahlung, 2 – 10 W/m2
= Leistungsflussdichte, Anm.)
einzuhalten sind, und das wird
auch von der Funküberwachung
so angewandt.
MT: Diese 2
bis 10 W/m2 sind somit auch
die für Österreich
aktuellen Grenzwerte?
Dr. Oberfeld:
Da gibt es sogar einen Rechtsstreit
darüber, ob das jetzt Grenzwerte
im Sinne gesetzlicher Grenzwerte
sind. Meine Meinung ist: Nein,
weil für einen Grenzwert
müsste es in einer Verordnung
oder in einem Bundesgesetz verankert
sein. Es existiert aber nur
eine Meinung des Ministeriums.
Es sind jedenfalls Richtwerte,
die vom Ministerium gehandhabt
werden.
MT: Ist die
niedergelassene Ärzteschaft
die richtige Berufsgruppe, um
auf die Gefahren aufmerksam
zu machen? Sollte man verstärkt
mit dem Gesundheitsministerium
kooperieren?
Dr. Oberfeld:
Viele Schriftstücke des
BMVIT der letzten Jahre zeigen,
dass dort keine Bereitschaft
besteht, auch nur einen Millimeter
in Richtung Vorsorge zu gehen.
Das Gesundheitsministerium hat
sich in der Frage Mobilfunk
eigentlich bisher kaum zu Wort
gemeldet – ich kann hier
nur spekulieren, dass dort vermutlich
zu wenig ärztliche Personalressourcen
bestehen, um sich in Fachfragen
auch selber vertiefen zu können.
MT: Welche
Reaktionen von Politik und Gesundheitspolitik
erwarten Sie, was soll jetzt
passieren?
Dr. Oberfeld:
Das ist eine ganz zentrale Frage.
Ich glaube, dass die Gesundheitspolitik
in Österreich in dieser
speziellen Frage jetzt und noch
mehr in Zukunft gefordert ist.
Wir benötigen eine ernsthafte,
an Public Health-Kriterien orientierte
Beurteilung und Grenzwertregelungen,
die auch bei einer Dauereinwirkung
über viele Jahre das gesundheitliche
Risiko umfassend reduzieren.
MT: Wie können
Sie das Thema auf eine solidere
Informationsbasis bringen?
Dr. Oberfeld:
Man müsste auf Ebene des
Gesundheitsministeriums ein
Gremium schaffen, um Vorschläge
für künftige Grenzwertregelungen
auszuarbeiten, die wir dringend
brauchen. Und zwar nicht nur
für den Mobilfunk, sondern
auch für magnetische Wechselfelder
wie z.B. Hochspannungsleitungen,
aber auch Hausinstallationen
etc., wie es in der Schweiz
bereits geregelt ist, um dem
Ansatz des vorbeugenden Gesundheitsschemas
auch im Bereich der elektromagnetischen
Felder Rechnung zu tragen. Dazu
braucht es eine Offensive zur
Ausbildung auch speziell der
Ärzteschaft, aber ebenso
verschiedener anderer Berufe
und im Schulwesen. Zusätzlich
zu der laufenden Fortbildung
bietet etwa die ÖÄK
das Spezialdiplom Umweltmedizin,
den Kurs „Baubiologische
Messtechnik für Mediziner“
oder am 19.11.2005 die Jahresfortbildungstagung
„Das Handy und sein Mast“
im NÖ Landtagsaal an. Aber
am wichtigsten erscheint mir,
dass die Politik erkennt, dass
elektromagnetische Felder in
derselben Liga oder sogar noch
eine Stufe höher anzusiedeln
sind als Lärm und Luftschadstoffe.