Ein Kommentar zur Mobilfunkforschung
von Isabel Wilke
Seit
einigen Monaten werden die Töne
schärfer, wenn es um die
positiven Ergebnisse der unabhängigen
Forschung geht. Der Industrie
kann es keinesfalls recht sein,
wenn die Forschung immer mehr
Beweise für schädigende
Auswirkungen der Mobilfunkstrahlung
liefert.
Als Dr. Oberfeld im Januar 2008
(s. auch Elektrosmog-Report
2/2008) die Ergebnisse zur Krebshäufigkeit
im Zusammenhang mit einem C-Netz-Sender
in der Nähe von Graz veröffentlichte,
kamen prompte Reaktionen von
der Mobilfunkindustrie, in denen
u. a. behauptet wurde, es hätte
dort nie einen C-Netz -Sender
gegeben.
Man sprach von „falschem
Gutachten“ und man wolle
gegen Oberfeld klagen. In einer
Pressemitteilung von Oberfeld
(27.03.2008) wird über
die Reaktion des Forum Mobilkommunikation
(FMK), einem Organ für
Presse und Öffentlichkeitsarbeit
der Mobilfunkindustrie, berichtet:
„Die Reihe der verunglimpfenden
und desavouierenden Pressemeldungen
wird vom FMK nunmehr offenbar
fortgesetzt.“ Weder beim
FMK noch bei dem zuständigen
Ministerium war man bereit gewesen,
auf Anfragen Oberfelds zu den
C-Netz-Daten Auskunft zu geben,
worauf Oberfeld seine Kontakte
genutzt habe, um zu den benötigten
Informationen zu kommen. Später
hieß es, die Daten seien
gelöscht worden. Zitat:
„Die steirischen Grünen
sehen in der Klage der Mobilfunkbetreiberden
Versuch, einen Kritiker mundtot
zu machen.“
Die Mobilfunkkritische Institution
Gigaherz in der Schweiz stellte
die nahe liegende (und vielleicht
die FMK verblüffende) Frage,
wie denn Daten gelöscht
werden können, die es gar
nicht gegeben hat.
Nun werden zwei weitere Forscher
in Misskredit gebracht: Die
Professoren Adlkofer (München)
und Rüdiger (Wien). Ihnen
wird vorgeworfen, Daten von
Experimenten, die Genschäden
durch Mobilfunkstrahlung hervorgebracht
hatten, gefälscht zu haben.
Eine Laborassistentin von Prof.
Rüdiger soll die Datenfälschung
öffentlich gemacht haben.
Die beiden Professoren konterten,
dass es einen Irrtum bei den
Auswertungen gegeben habe, aber
von Fälschung keine Rede
sein könne, schon gar nicht
in dem fraglichen Zeitraum.
Die Verwaltung der Wiener Universität
verlangte, die Veröffentlichungen
zurückzuziehen.
Die jüngsten Beschuldigungen
sind in ungewöhnlich scharfer
Form geäußert worden,
aber schon die Reaktionen der
Industrie auf die Oberfeld-Studie
waren heftig. Man bekommt den
Eindruck, die Industrie beißt
um sich, als stünde sie
mit dem Rücken zur Wand.
Niemand in den Medien regt
sich auf, wenn in einer Studie,
veröffentlicht in der renommierten
Fachzeitschrift Bioelectromagnetics
und von der Forschungsgemeinschaft
Funk bezahlt, offensichtlich
statistische Manipulationen
vorgenommen werden, die auch
jemandem auffallen müssen,
der nicht ausgewiesener Statistiker
ist. Elektrosmog-Report berichtete
darüber in der Ausgabe
11/2007, S. 3. Es ging um die
Einwirkung von UMTS-Strahlung
auf Menschen und die Reaktionsfähigkeit
bzw. Aufmerksamkeit der Testpersonen.
Angeblich gab es keine Unterschiede
zwischen bestrahlten und scheinbestrahlten
Probanden.
Schon in dem Bericht zum FGF-Workshop
vom Mai 2007, den die Forschungsgemeinschaft
Funk (FGF) organisiert hatte
(im Januar 2008 erschien der
Bericht zu dem Workshop) war
ein seltsamer Umgang mit Forschungsergebnissen
zu bemerken. Ein Thema waren
die widersprüchlichen Ergebnisse
von Experimenten zur Genschädigung
durch Hochfrequenz (eigentlich
nichts Neues). Der Tenor: Es
gibt keine gentoxischen Wirkungen,
und wenn eine Schädigung
erfolgte, dann wäre sie
thermischer Natur. Als ob das
Problem damit erledigt wäre!
Das Gegenteil ist der Fall.
Wenn die Ergebnisse auf thermische
Effekte zurückzuführen
sind, dann werden diese eben
bei sehr viel geringeren Strahlungsintensitäten
hervorgerufen, als bisher immer
(von den entsprechenden Akteuren)
behauptet wurde. Und dann müssen
die Grenzwerte sofort herunter.
Auf dem Workshop referierte
u. a. Prof. Niels Kuster von
der ETH Zürich über
die Versuchsbedingungen, unter
denen die Experimente zur Untersuchung
der Wirkung von elektromagnetischen
Feldern durchgeführt werden.
Er meinte, wenn die Biowissenschaftler
mehr mit den Technikern reden
würden, wären die
Ergebnisse besser bzw. besser
reproduzierbar. Man kann auch
umgekehrt einen Schuh daraus
machen: Wenn die Techniker sich
öfter bei den Biowissenschaftlern
kundig machen würden, wäre
die Einschätzung der Schädlichkeit
von elektromagnetischen Feldern
oftmals realistischer und sachlich
der Realität näher.
Bis jetzt ist es überwiegend
so, dass Techniker aus den Biowissenschaften
und auch Physiker sich anmaßen,
über Epidemiologie und
Abläufe in der Zelle besser
Bescheid zu wissen als die Fachleute,
nämlich kompetente Mediziner,
Biochemiker und Physiologen.
Es scheint, als wäre der
Workshop nur zu dem Zweck veranstaltet
worden, die Experimente mit
wissenschaftlich positiven Ergebnissen
in Misskredit zu bringen. An
jedem Befund irgendeiner der
betrachteten Arbeit war ein
Fehler zu finden, während
die negativen Ergebnisse automatisch
als 100%ig korrekt und akkurat
durchgeführt zu betrachten
sind; sie werden jedenfalls
nicht diskutiert. Die Kalibrierung
ist angeblich mangelhaft, die
Testsysteme ungeeignet usw.,
als wären die Wissenschaftler,
die positive Ergebnisse liefern,
zu blöd, ihre Arbeit zu
machen. Die Diskussion ging
völlig am Problem vorbei,
denn es war noch nie ein Geheimnis,
dass mit lebenden Systemen widersprüchliche
Ergebnisse produziert werden.
Ursache ist aber neben –
selbstverständlich auch
vorkommenden – Fehlern
schlicht die Tatsache, dass
lebende Systeme äußerst
flexibel und unberechenbar auf
die Umwelt reagieren. Und dazu
gehört auch Zellstress.
In die Reihe passen die neuen
Meldungen zu den Interphone-Studien.
Einige der beteiligten Forscher
bewerten die Ergebnisse offenbar
nun anders als zuvor. Es mutet
schon seltsam an, dass, wenn
die Forschung etwas nicht genehmes
Signifikantes findet–
z. B. erhöhte Tumorrate
am Kopf auf der Seite, an der
das Telefon gehalten wird –diese
Ergebnisse prompt auf Irrtümer
verschiedener Art zurückzuführen
sind. Es wird den Patienten
beispielsweise unterstellt,
dass sie sich nicht richtig
erinnern, wie sie ihr Telefon
halten, weil angeblich der Tumor
dazu führt, dass die Leute
denken, sie hätten das
Telefon immer an die Tumorseite
gehalten. Der Tumor hat ihnen
den Verstand vernebelt? Das
ist geradezu albern. Gibt es
allerdings keine signifikanten
Unterschiede oder Widersprüche,
die Ergebnisse also geeignet
sind, die Bevölkerung zu
beruhigen, werden keine Zweifel
am Erinnerungsvermögen
der Probanden oder den Versuchsbedingungen
geäußert.
Die Diskussion muss also darum
gehen, wie die Widersprüche
gehandhabt, d. h. interpretiert
werden, und zwar mit negativen
und positiven Befunden.
Wenn in Experimenten Schädigungen
zu finden sind, dann können
sie auch im realen Leben auftreten,
mal mehr und mal weniger ausgeprägt,
signifikant oder nicht. Und
ebenso können – nicht
zu vergessen – negative
Befunde falsch sein oder in
die Irre führen.
Elektrosmog-Report
14 (6) – Juni 2008
Quelle: http://www.strahlentelex.de/Stx_08_514_E03.pdf