Mein Handy
habe ich immer zurückhaltend
benutzt. Vor sieben Jahren hatte
ich mir eins für die Arbeit
gekauft, da ich viel reiste und
schlecht erreichbar war. In der
letzten Zeit brauchte ich es immer
seltener, täglich noch für
ein paar SMS und wenige Sekunden
Telefongesprächszeit. Jetzt
möchte ich versuchen, es
ganz los zu werden, obwohl meine
Freunde im Chor verkünden,
eine Berufstätige ohne Handy
gebe es doch heute ganz einfach
nicht mehr.
„Das Ding“ ist ausserordentlich
bequem. Wir wissen es alle; die
funktionellen und symbolischen
Gründe für seinen Erfolg
brauchen wir hier nicht darzulegen.
Wir stellen einfach fest: „Das
Ding“ hat sich unmerklich
in den Sitten und Gebräuchen
von uns allen derart eingenistet,
dass man bezweifeln könnte,
ob es vor seinem Erscheinen schon
irgend eine Art von Leben oder
menschlicher Beziehung auf der
Erde gegeben habe.
Dennoch schaffen es einige Menschen,
ohne „das Ding“ zu
leben; die einen aus ideellen
Gründen, andere zum Schutz
ihrer Intimsphäre, wieder
andere dank eines Lebensstils,
der es ihnen erlaubt, darauf zu
verzichten. Ist es andererseits
nicht seltsam: Oft hört man
(unabhängig von sozialem
Stand und realem Einkommen) den
Ausspruch, man könne es sich
nicht leisten, „Bio“
zu essen. Aber ich habe noch nie
jemanden sagen hören, er
könne sich „das Ding“
nicht leisten.
Es scheint also, dass „das
Ding“ zwar zur Selbstverständlichkeit
geworden ist, dass es aber doch
auch Menschen gibt, die nicht
Eigentümer einer Mobiltelefonnummer
sind und diesen Zustand individuell
bewusst und frei gewählt
haben. Und ihr werdet sagen: Warum
so viel Aufhebens, wenn doch jeder
für sich selbst, in seinem
Leben als Mann oder Frau, frei
wählen kann, ob er den Alltag
mit oder ohne „das Ding“
bewältigen will?
Frei wählen? – Nun,
so ist es eben gerade nicht.
Mir wurde der Gebrauch des „Dings“
verboten. Ihr denkt vielleicht
von einem Ehegatten, der es
satt hat, gesalzene Rechnungen
zu bezahlen; von Freundinnen,
die sich darüber ärgern,
dass sie nie einen Augenblick
der Intimität mit mir teilen
können; von der Polizei,
die mich ein paar Mal telefonierend
am Steuer erwischt habe; von
irgend einem moralisierenden
Freund... oh nein, nichts dergleichen.
Der Gebrauch des „Dings“
ist mir ganz einfach vom Arzt
verboten worden! – Ihr
mögt euch fragen, wie das
denn möglich sei, da ich
es ja bloss zurückhaltend
benütze...
„Liebe Frau, vergessen
Sie 'das Ding', ich bitte Sie,
vergessen Sie es!“
Er war der vierte Arzt, den
ich im Verlauf weniger Wochen
aufsuchte. Aber es war das erste
Mal, dass man in einem derart
drohenden Ton zu mir sprach.
Die Entschlossenheit seiner
Worte und der Ton seiner Stimme
waren beeindruckend. Doch auch
er hatte ein „Ding“,
das gerade neben ihm auf dem
Tisch lag, bereit, jederzeit
loszuklingeln. Warum also ausgerechnet
ein solches Verbot für
mich?
In den letzten Jahren hatte
ich selten einen Arzt besucht,
aber jetzt genügten die
sonntäglichen Wanderungen
in den Bergen nicht mehr, um
mich zu erholen. Ich fühlte
mich immer müder.
Obwohl die ersten drei Ärzte
ganz verschiedene Überzeugungen
hatten, waren sie sich doch
darin einig, dass meinen Symptomen
kaum Bedeutung beizumessen sei.
Für sie handelte es sich
einfach um Müdigkeit, Ferienbedarf,
Angstzustände, Enttäuschung
in der Liebe... Bei jeder weiteren
Konsultation versuchte ich präziser
zu schildern, was ich empfand:
Kopfschmerzen wegen Sonnenstich,
nächtliches Herzrasen,
Schlaflosigkeit, Händezittern...
Jeden Tag empfand ich stärker,
wie meine Körperzellen
„verkehrt herum ruderten“,
sodass ich bald jede Hoffnung
verlor, sie würden eines
Tages wieder umdrehen.
Im Zuge meiner Versuche, zu
begreifen was mit mir geschah,
entschloss ich mich eines Tages,
einen Messbericht über
die elektrischen und magnetischen
Felder in meinem Büro anfertigen
zu lassen. Diesen Entschluss
fasste ich ohne Rücksicht
auf die Kosten einer solchen
Unternehmung. Denn unter all
den Symptomen, die mich plagten,
war das ungewöhnlichste
das sonderbare Gefühl,
besonders empfindlich auf elektrische
Felder zu sein. Ich fühlte
mich wie von elektrischen Schlägen
durchzuckt und von stärkeren
oder schwächeren Feldern
durchdrungen. Das von Grafiken,
Tabellen und Berechnungen strotzende
Gutachten kam zum folgenden
Schluss: In den untersuchten
Räumen bestehen elektromagnetische
Felder von beträchtlicher
Stärke, die aber jedenfalls
den gesetzlichen Grenzwert nicht
überschreiten. Ich setzte
mich in Verbindung mit dem Gutachter
und bat ihn um weitere Erklärungen.
Insgeheim hoffte ich, nun endlich
die Informationen zu erhalten,
die mir die drei ersten Ärzte
nicht hatten geben können.
„Liebe Frau, seit zwei
Jahren bin ich unterwegs, um
Berichte zu machen über
Fälle, wie Sie einer sind.
Ich könnte Bücher
darüber schreiben.“
- „Aha“, antwortete
ich begeistert, weil ich offenbar
die richtige Person zur Lösung
des Rätsels gefunden hatte,
„könnten Sie mich
also mit meinesgleichen für
einen Informationsaustausch
in Verbindung bringen?“
- „Sehen Sie“, antwortete
der Gutachter, „es gibt
zwar tatsächlich eine andere
Frau in Ihrem Häuserblock,
die vor kurzem einen gleichartigen
Bericht von mir verlangt hat,
aber aus Gründen der beruflichen
Korrektheit kann ich Ihnen darüber
nichts sagen.“
Entmutigt ob dieser Art von
Zusammenarbeit des „offiziellen“
Gutachters, aber immerhin im
Besitz der Bestätigung,
dass es sich um ein Problem
mit elektromagnetischen Wellen
handelte, beschloss ich, einen
„Geobiologen“ zu
kontaktieren – eine Person
also, die imstande war, die
Schwingungen der Erden- und
der Himmelswelt in Harmonie
zu bringen. Denn in der Tat,
wenn es sich um eine Belastung
durch elektrische und magnetische
Felder handelte, so musste es
doch möglich sein, diese
mit anderen Feldern zu bekämpfen.
Und so liess ich mich denn in
die (teure) Welt der „Formwellen“,
in die Schwingungsfelder kostbarer
Mineralien, in das Klingen irdischer
Brünnchen und himmlischer
Bilder entführen... Aber
es wurde mir auch recht deutlich
gesagt, dass der „kosmische
Bausatz“ nur wirksam sein
konnte, wenn ich mich zugleich
„ernsthaft“ auf
einen spirituellen Weg begab...
Mein Weg war wohl recht wenig
ernsthaft, denn der Gesundheitszustand
wurde immer prekärer. Ich
kam zur Einsicht, dass ich meine
Anwesenheit im Büro von
8 auf 4 Stunden, dann von 4
auf 2, schliesslich von zwei
auf eine Stunde reduzieren musste.
Am Schluss waren es täglich
noch ein paar Minuten zum Abholen
der Post.
In jenen Tagen besuchte ich
den Vortrag eines Spezialisten,
eines seit Jahren unabhängigen
Forschers am CNRS (Centre National
de la Recherche Scientifique).
Der Vortrag war zu einem grossen
Teil den Wirkungen der von den
Mobilfunkantennen ausgehenden
elektromagnetischen Felder auf
den Menschen gewidmet. Welche
Überraschung für mich,
zu entdecken, wie all die Symptome,
an denen ich litt, vom Vortragsredner
wissenschaftlich präzis
aufgezählt und beschrieben
wurden! Natürlich wandelte
sich die Überraschung sogleich
in Angst beim Gedanken an die
mögliche Weiterentwicklung
solcher Symptome zu schweren
Krankheiten, oftmals die Folge
einer Funktionsstörung
der Zirbeldrüse, des Zentrums
des Gehirns, der „Seele
des Körpers“, des
für elektromagnetische
Felder empfindlichsten Organs
des menschlichen Körpers.
Nun entschloss ich mich, weitere
Messungen machen zu lassen,
diesmal durch einen anderen,
weniger kostspieligen und auch
sympathischeren Gutachter mit
der Bereitschaft, ein Gespräch
zu führen und jemanden
wirklich anzuhören, der
unter den Symptomen und der
Entwicklung dieser neuen, seltsamen
Krankheit der Elektrosensibilität
leidet – eine Krankheit,
die in vielen Ländern zur
Gründung von Vereinigungen
führte, in denen sich die
Menschen fanden, welche dieselbe
Krankheit haben, oder genauer:
welche durch andauernden und
intensiven Kontakt mit hoch-
oder niederfrequenten elektromagnetischen
Feldern zu diesem Leiden gekommen
sind.
Die neuen Messungen liess ich
diesmal nicht nur in meinem
Büro in der Stadt, sondern
auch zu Hause machen, um die
Daten vergleichen zu können.
Die Messresultate im Büro
waren – vielleicht wegen
eines zeitweise stärkeren
Gesprächsverkehrs auf den
Mobilfunkfrequenzen –
noch besorgniserregender als
diejenigen des ersten Gutachtens,
sodass in mir sogar ein gewisser
Zweifel am Gutachter selbst
entstand. Ich sagte mir dann,
es möge eben Situationen
mit besonders hoher elektromagnetischer
Belastung geben, die aber immer
unterhalb der Grenzwerte bleibt,
wenn auch vielleicht nur knapp.
Wer elektrosensibel wird, entwickelt
in der Begegnung mit elektromagnetischen
Feldern besondere Wahrnehmungsfähigkeiten,
und so kommt es, dass ein hypersensitiv
gewordener Mensch oftmals mit
geschlossenen Augen die Gegenwart
und die Wirkung von Hochspannungsleitungen,
von Mobilfunkantennen und auch
von WLAN-Anlagen, Schnurlostelefonen
und dergleichen spüren
kann.
Wegen eben dieser Hypersensitivität
hatte ich zuhause wahrgenommen,
dass in denjenigen Räumen
meiner Wohnung, die nach Osten
exponiert sind, eine elektromagnetische
Belastung vorhanden sein könnte,
auch wenn diese entschieden
schwächer war als in meinen
städtischen Büroräumlichkeiten.
Dies wurde mir denn auch durch
die Messungen des Gutachters
mit Präzision bestätigt.
Ich fragte also bei unserem
Gemeindebauamt nach dem Aufstellort
einer Mobilfunkantenne. Man
antwortete mir, dass es auf
unserem Gemeindegebiet keine
solche gebe. Hierauf rief ich
bei der Nachbargemeinde an.
Da erfuhr ich, dass eine Antenne
von der und der Sendeleistung
vorhanden sei, doch das brauche
mich nicht zu beunruhigen, weil
diese Antenne zur Nachbargemeinde
hinüber strahle (nämlich
zur meinigen...).
Vor wenig mehr als 50 Jahren
durchquerten zahlreiche Eisenbahnzüge
Europa, zum Bersten gefüllt
mit Männern, Frauen und
Kindern, die nie mehr zurückkehrten...
Zu Recht gibt es heute dafür
keine Entschuldigung, und man
blickt mit grösster Strenge
auf diejenigen, die mehr oder
weniger bewusst mit diesen Transporten
zu tun hatten.
Es bleibt mir nur noch die Hoffnung,
dass unsere Ärzte, Techniker,
Beamte, Politiker und alle Menschen,
die der Bevölkerung gegenüber
Verantwortung tragen, sich der
durch die neuen Technologien
über kurz oder lang verursachten
Gesundheitsschäden bewusst
sind – Gesundheitsschäden,
von denen vielleicht nicht alle
Bürger, aber mit Sicherheit
ein grosser Teil von uns allen
betroffen sein werden.
Denn die wunderbare Reise in
der virtuellen elektronischen
Welt könnte sich in einen
furchtbar realen, kollektiven
Alptraum verwandeln –
in einen Alptraum, wie er für
einige von uns bereits heute
Wirklichkeit ist.
April 2008
Kommentar
der Bürgerwelle Schweiz:
Die Autorin hat allgemein eine
hohe Wahrnehmungsfähigkeit
für die Äusserungen
ihrer Umwelt. Sie geht mit ihren
Wahrnehmungen differenziert
und kritisch – auch selbstkritisch
– um. Seit der massiven
Strahlungsexposition (nahezu
1 V/m) in ihrem städtischen
Büro ist eine ausgeprägte
Elektrosensibilität dazu
gekommen. Hierauf hat sie ihr
Büro nach Hause verlegt.
Dort hat jedoch in diesen Monaten
ein nahegelegener Mobilfunk-Sendemast
zusätzlich zum bisherigen
GSM-Betrieb auch mit UMTS zu
senden begonnen. Um dort weiterhin
leben und arbeiten zu können,
ist sie jetzt gezwungen, ihre
Wohnung gegen die Strahlung
abzuschirmen. – Aus beruflichen
Gründen hat sie uns gebeten,
anonym bleiben zu dürfen.
Quelle: http://www.buergerwelle-schweiz.org/Berichte_Betroffener.297.0.html#5445