Ohne
Mobiltelefon geht in Israel gar
nichts - jetzt warnt die Regierung
vor Gesundheitsschäden bei
Dauergebrauch
von Sabine Brandes Amit hat
schon ihr zweites Handy. "Das
erste war alt und gar nicht
cool", sagt sie und zeigt
stolz auf ihr nagelneues, knallrotes
Gerät. Bär Winnie
Puh lacht feist-fröhlich
vom Display. Aber Amits Mobiltelefon
ist nicht nur zum Anschauen
da. Es funktioniert bestens,
sie benutzt es jeden Tag. Wenn
ihr Lieblingslied ertönt,
weiß sie, dass jemand
mit ihr sprechen will. Amit
möchte ihr Handy auf keinen
Fall missen. Sie ist acht Jahre
alt. Dass ihr Telefon krank
machen kann, ahnt das kleine
Mädchen nicht. Auch die
Eltern scheinen völlig
unbedarft. Das soll sich nun
ändern.
Um auf die Gefahren hinzuweisen,
hat das Gesundheitsministerium
zum ersten Mal offizielle Richtlinien
herausgegeben.
"Israelis haben das Handy
viel zu viel am Ohr", macht
Sigal Sadetzki, Chefin des Gertner-Instituts
für Gesundheitsforschung
in Tel Haschomer, deutlich.
Sie verfasste die Ratschläge
für das Ministerium, nachdem
immer mehr Fragen aus der Bevölkerung
angekommen waren, wie man sich
am besten verhalten soll. "Wir
in Israel übertreiben es
mit allem, was wir tun, auch
mir der Benutzung von Mobiltelefonen.
Wir kaufen alles, ohne an die
Gefahren zu denken." Die
seien jedoch eindeutig da. In
ihrer Studie fand die Ärztin
einen Zusammenhang zwischen
der Benutzung von mobilen Telefonen
und der Entwicklung von Tumoren.
Auch wenn es noch nicht alle
exakten Informationen gebe,
so Sadetzki, seien doch einige
Fragen geklärt, und das
wolle man öffentlich machen.
"Obwohl die Bevölkerung
sehr daran interessiert ist
zu wissen, wie gefährlich
die Strahlung wirklich ist,
benutzen sie ihre Geräte
weiter wie bisher. Es ist schier
unglaublich, wie viel in unserem
Land damit telefoniert wird.
Mit den Richtlinien wollen wir
Tipps geben, wie man Handys
klüger einsetzt."
Sadetzki ist die israelische
Teilnehmerin an der internationalen
"Interphone- Studie",
die vor einigen Monaten in der
medizinischen Fachpresse veröffentlicht
worden war. Das Team fand heraus,
dass Personen, die Mobiltelefone
überdurchschnittlich viel
nutzen, ein größeres
Risiko haben, an gut- und bösartigen
Speicheldrüsen-Tumoren
zu erkranken. Untersucht wurden
Frauen und Männer aus 16
Ländern, darunter Israel,
die Handys seit zehn oder mehr
Jahren benutzen. "Wir haben
entdeckt, dass sie Gefahr laufen,
an der Seite des Kopfes einen
Tumor zu entwickeln, an die
sie das Telefon halten",
erläutert Sadetzki.
Nach Norwegen gilt Israel als
Staat mit den meisten Handys
pro Einwohner - vielleicht hat
es das skandinavische Land aber
auch längst vom Thron gestoßen.
Doch es ist nicht nur die Menge,
auch die Art des Umgangs ist
außergewöhnlich und,
wie immer mehr Gesundheitsvertreter
meinen, mittlerweile völlig
maßlos. Munter quaken
schon Fünfjährige
in die Muschel, um die Verabredungen
mit ihren Kindergartenfreunden
klarzumachen, tragen Zehnjährige
lässig den sogenannten
Blue Tooth, also eine schnurlose
Freisprechanlage, hinters Ohr
geklemmt. Viele Menschen telefonieren
von ihrer Wohnung aus mit ihrem
Handy zum Handy des Gesprächsteilnehmers,
weil sie keine Lust haben, ein
zweites Mal zu wählen,
geht der Angerufene nicht an
seinen Hausapparat. Das Gefahrenbewusstsein
tendiert gegen null.
Viele Leute haben sogar ihren
Festnetzanschluss zugunsten
des Handys abgemeldet. Auch
bei Tali Chany gibt es seit
fast einem Jahr keine Nummer
vom landesweiten Anbieter Bezeq
mehr. "Wieso Gebühren
für ein Telefon bezahlen,
das ich nicht brauche? Ich spreche
nur noch mobil", erklärt
die Frau aus Hod Hascharon.
Macht sie sich gar keine Sorgen
um ihre Gesundheit? "Manchmal
schon ", gibt sie sich
kurz nachdenklich, "aber
es gibt so viele Dinge, die
schädlich sind. Erst dürfen
wir kein Fleisch mehr essen,
dann nicht mehr rauchen und
jetzt nicht mehr am Handy sprechen
- am Ende kehren wir in die
Steinzeit zurück."
Der Appell des Gesundheitsministeriums
richtet sich nicht gegen Modernität,
sondern an das Gesundheitsbewusstsein.
Sadetzki ist der Überzeugung,
dass es eine öffentliche
Debatte darüber geben müsse,
wie viel und vor allem ab welchem
Alter Handys benutzt werden
sollten. "Es gibt keinen
Grund, dass bereits kleine Kinder
so etwas haben." Bald wird
ihr Team die Arbeit an einer
neuen Studie über die Auswirkungen
der Strahlung auf Kinder beginnen.
"Das ist heute eindeutig
unser wichtigstes Anliegen",
so Sadetzki. "Auch wenn
wir noch keine akkuraten Daten
haben, müssen wir auf Vorsicht
und Vorbeugung setzen."
Auf jeden Fall solle man das
Gerät immer möglichst
weit vom Kopf entfernt halten
und in den Lautsprecher reden.
Wird eine Freisprechanlage benötigt,
eine mit Kabel verwenden. Zudem
sollten Handys niemals neben
dem Kopf aufgeladen werden oder
unmittelbar am Kopfkissen als
Wecker fungieren. Ein Mindestabstand
von 50 Zentimetern wird angeraten.
Alle Vorsichtsmaßnahmen
sind sinnvoll, können die
Gefahr aber lediglich einschränken,
nicht vollständig bannen.
Generell gilt: So wenig wie
möglich mobil sprechen.
Der Warnhinweis zeigt
Wirkung. Die Verkäufe der
Geräte sind in den vergangenen
Wochen um mehr als zehn Prozent
zurückgegangen, schätzen
Kenner der Branche. Die Anbieter
halten sich bedeckt und geben
keinen Kommentar dazu ab. Dan
Greenberg, stellvertretender
Chefredakteur der Wirtschaftszeitschrift
"Kalkalist", aber
sieht schwarz, was den gesunden
Menschenverstand seiner Landsleute
angeht: "Es mag sein, dass
viele Leute die Empfehlungen
ernst nehmen und sich zurückhalten.
Aber die Erinnerung der Israelis
ist sehr kurz. Wartet man ein
bis zwei Wochen ab, dann telefonieren
gewiss alle wieder wie gewohnt."
Quelle: http://juedischeallgemeine.de/epaper/index.php?seite=4